Der tanzende Pinguin

Bei Chromadyne, wo Farb- und Lichttechnologie für maximale Effizienz entwickelt werden und man selbst die Luft mit leistungssteigernden Farbtönen durchtränkt, gibt es eine Geschichte, die an neue Mitarbeiter wie ein internes Geheimnis weitergegeben wird.
Niemand weiß, ob die Geschichte wahr ist, oder einfach nur ein Scherz. Gedacht als Einführungsritual für neue Mitarbeiter. Sie handelt von:

  • einem Junior-Programmierer,
  • einer harmlosen Nachricht,
  • einem tanzenden Pinguin,
  • einem Mitarbeiter, den es vermeintlich nie gegeben hat.

Wenn die Geschichte erzählt wird, klingt sie meistens wie folgt:

Luis Landstrov war eine stille Konstante in Chromadynes Programmierabteilung im 42. Stock, die als das digitale Herz von Chromapolis, der regenbogenfarbenen Stadt, gilt.

Luis Arbeitsplatz, wie seine Kleidung, war mit Fokusblau und Effizienzgold auf maximale Leistungsfähigkeit kalibriert.

Eines Tages erhielt er eine ungewöhnliche Nachricht in seiner Inbox.

Betreff: “Für deine geistige Gesundheit – Viel Spaß!”

Er zögerte.
Die Absenderadresse bestand aus einer bedeutungslosen Zeichenkette, die eigentlich von Chromadynes Filtern hätte geblockt werden müssen. Eigentlich…
Luis Neugier war geweckt.
Ein Klick und die Nachricht öffnete sich.

Zu Luis Enttäuschung war sie leer, abgesehen von einem Anhang: pinguin_chacha.gif

Natürlich wusste Luis, dass man solche Nachrichten und schon gar nicht deren Anhänge  öffnen sollte. Er war schließlich nicht von vorgestern und außerdem Programmierer. Andererseits, oder vielleicht gerade deswegen, wollte er wissen, wie eine solche Nachricht es überhaupt durch Chromadynes Filter geschafft hatte.
Der Cursor schwebte über dem Anhang.
Die Neugier siegte.

Augenblicklich füllte sich Luis Bildschirm mit Bewegung.

Ein Cartoon-Pinguin schlug mit den Flügeln und watschelte mit kleinen Füßen im Cha-Cha-Cha-Rhythmus. Sein Farbprofil war völlig unreguliert. An manchen Stellen war es zu grell, an anderen fast entsättigt, als wüsste der Pinguin selbst nicht, was er sein sollte. Hinter ihm explodierte Konfetti in Farbtönen, die unmöglich schrill wirkten. Sie passten in keine der sorgfältig abgestimmten Chromadyne-Paletten.

Luis unterdrückte ein Lachen.
Es war albern, geradezu kindisch. Es war völlig fehl am Platz in Chromadynes durchdesigntem Kosmos aus Farbharmonien. 

Der kleine Pinguin tanzte in perfekter Schleife. Seine albernen kleinen Füße bewegten sich mit hypnotischer Präzision.

Und irgendwie fand Luis war es war genau das, was er gebraucht hatte, um ein bisschen Abwechslung in seinen perfekt abgestimmten Alltag zu bringen.

Ohne ein Wort schickte er die Datei an eine Kollegin weiter.
Sie klickte und eine halbe Sekunde später hörte er sie laut kichern.

Auch sie drückte „Weiterleiten“ und so verbreitete sich die Datei.

Sie sprang förmlich von Schreibtisch zu Schreibtisch.

Bald spielte die gesamte linke Seite der 42. Etage das GIF ab – wieder und wieder.
Sie schauten, sie lachten und der Pinguin tanzte.

Erst dann bemerkte es der Algorithmus.
VISA – Visueller Interferenz Sicherheits Algorithmus. Angeblich war dies ein passiver Monitor zur Messung von Effizienzabweichungen und Augenbewegung, um Lichtprofile in Echtzeit für Mood-Sync anzupassen.
Dieser Algorithmus muss den Ausschlag erkannt haben.

Der Pinguin hatte Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Die Abweichung wurde registriert und isoliert.
Um genau 15:14 Uhr verschwand der Pinguin simultan von allen Bildschirmen.

Um 15:15 Uhr erhielt Luis eine neue Nachricht in seinem Posteingang.

Betreff: Human Resolution Management – Sofort!

Luis stand schweigend von seinem Schreibtisch auf und ging.
Um ihn herum vertieften sich die Mitarbeiter geradezu auffällig in ihre Arbeit. Niemand sah ihm nach.

Am nächsten Morgen um 08:00 Uhr war sein Platz leer.

Niemand erwähnte Luis Landstrov.

Sein Arbeitsplatz wurde neu zugewiesen – oder hatte er schon immer jemand anderem gehört?

Der Name war im System unauffindbar. Als hätte es ihn nie gegeben. Und vielleicht hatte es das auch nie. Schließlich war es nur eine Geschichte.

Dennoch schwören einige Mitarbeiter, dass es in Chromadyne manchmal zu kurzen seltsamen Ausfällen im Farbkalibrierungssystem Mood-Synch kommt. 
Dann, wenn das Licht auch nur minimal flackert, dann wenn die Farben ein klein wenig aus der Kalibrierung geraten, dann kann man ihn angeblich sehen. Am Rande seines Bildschirms und nur für einen Bruchteil einer Sekunde:
Ein tanzender Pinguin.
Ein viraler Traum.
Ein Geist im System.
Oder eben doch nur ein Witz?


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