Sie verabschiedet sich von niemandem, schultert einfach ihre Tasche und verlässt die Bibliothek. Wandert durch leere Flure, vorbei an verschlossenen Hörsälen, in denen noch gestern Worte wie Rauschen ihren Kopf füllten. Professoren, die vom Schlaf sprachen, als wäre er nichts weiter als eine Funktion, eine Formel, eine Gleichung, die gelöst werden könne. Als gäbe es für alles eine Lösung.
Sie geht hinaus in den frühen Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich bereits an den verspiegelten Wänden der Universitätsgebäude, werfen Regenbögen auf die Gehwege. Noch ist es nahezu still auf dem Campus, abgesehen vom Grundrauschen, das den Campus, ja vielmehr die Stadt stets erfüllt, wie Blut, dass durch Adern fließt. Die meisten sagen, dass sie es irgendwann nicht mehr hörten. Bei ihr ist es umgekehrt, sie kann es nicht nicht hören und es wird immer lauter, immer unerträglicher in ihrem Kopf.
In wenigen Stunden wird das Grundrauschen übertönt von Studierenden, die von den Wohnheimen zu den Hörsälen laufen, von holographischen KI Karriereberatern, die grelle Werbung für sich schalten und Lieferdrohnen, die Kaffee in die Büros fliegen.
Am Terminal kauft sie ein Ticket. Nur Hinfahrt. Müde und teilnahmslos hält sie ihr Armband zum Bezahlen in den orangefarbenen „Glow“. Das Armband leuchtet kurz auf.
Der Bus ist fast leer, der Fahrer schweigt, sie ebenso. Sie sitzt da, stumm, und sieht zu, wie die vertraute Welt, die modernen Hochhäuser mit ihren strahlenden bunten Fassaden langsam verschwimmen.
Sie läuft wieder einmal davon, wohl wissend, dass sie immer sich selbst mitnimmt, ihre Geschichte, als ob sie schon seit ihrer Kindheit zu genau diesem Moment hingezogen wurde.
Erster Schritt:
Du bist ein Kind, du sitzt im flackernden Schein einer halb abgebrannten Kerze und lauscht der Stimme deiner Mutter.
„Dein Vater war mit dem Wasser verbunden , weißt du?“
Sie sprach es aus, als wäre es eine Wahrheit, so unumstößlich wie die Naturgesetze und so unabänderlich wie die Gezeiten.
„Er kannte das Meer. Er wusste, wann die Wellen kommen würden, bevor sie kamen.
Aber, wenn er die Wellen kannte, wie zur Hölle konnte er dann verloren gehen?“
Die Bitterkeit schlich sich früher oder später immer in den Geschichten ein, scharf wie Salz in einer offenen Wunde.
Er ist nicht ertrunken, behauptete sie immer wieder. Es gab keine Leiche, kein herrenloses Surfboard, keinen Beweis. Nur einen Mann, der eines Nachts hinaus paddelte und nie zurückkam. Ein Verschwinden, kein Tod. Ein Gleiten zwischen den Wellen – oder Welten?
Aber wenn es kein Tod war, wenn es etwas anderes war, was bedeutete es für das Kind, das zu dem Zeitpunkt noch nicht geboren war, für das Kind, das den Geschichten der Mutter lauschte. Sieben Jahre alt, klein und mit großen Augen. Ein Kind, das seit es denken konnte auf ihren Vater wartete und immerzu hoffte, er würde eines Tages nach Hause kommen.
Und vielleicht war genau das das Schlimmste.
Denn so, wie ihre Mutter es erzählte,manchmal flüsternd, manchmal lachend, manchmal weinend, das Gesicht in den Händen verborgen, klang es nie nach Verlust.
Es klang nach Flucht.
„Er ist nicht gestorben“, sagte ihre Mutter immer wieder, wie ein Mantra. „Aber wenn er nicht gestorben ist, wo zur Hölle ist er dann hin?“
In manchen Nächten sagte sie es mit Sehnsucht. Manchmal wütend. Meistens irgendwo dazwischen, zerrissen und zerfressen. Und jedes Mal verweilte ihr Blick einen Moment zu lange auf sie. Es war ein Blick, für den sie erst Jahre später Worte finden für würde. Ein Blick zwischen Angst und Verdacht, als würde ihre Mutter förmlich darauf warten, dass auch ihre Tochter eines Tages einfach verschwinden würde: Misstrauen.
Sie trägt sogar seinen Namen.
Sascha.
Ein Name, weitergegeben wie ein Echo, wie eine Welle, die sich ausbreitet, nachdem ein Stein ins Wasser gefallen ist. Doch sie kann nichts dafür. Sie hat den Stein nie hat fallen sehen.
Ihre Mutter sprach es nie offen aus, aber Sasha spürte es an der Art, wie bei der Erwähnung ihres Namens immer etwas anderes in der Stimme ihrer Mutter mitschwang, Groll, Nostalgie, ein Hauch von Bedauern oder Vorwurf.
„Es war die Idee deines Vaters“, hatte ihre Mutter einmal zugegeben. „Er hat ihn gewählt. Bevor er ging. Bevor ich überhaupt wusste, dass ich dich trage. Hat gesagt, er würde zu dir passen. Er war ein Träumer und er wusste viele Dinge. Oft noch bevor sie eintraten. So wie mit dir. Fast, als würde er die Sachen herbei führen.“
Eine Pause. Ein Lachen, spröde und scharf.
Und Sasha hatte einfach nur dagesessen, sieben Jahre alt, klein genug, um noch an Märchen zu glauben, aber alt genug, um zu verstehen, dass manche Fragen besser nicht gestellt wurden. Dass manche Wunden, selbst nach Jahrzehnten, niemals sauber verheilten.
Sie hatte nicht einmal ein Foto von ihm. Ihre Mutter hatte sie alle weggeworfen oder so tief vergraben, dass sie nicht mehr zu finden waren.
Aber sie hatte seinen Namen. Das Einzige, was er hinterlassen hatte, abgesehen von Geschichten, salzgetränkten Erinnerungen und der Tatsache seiner Abwesenheit.
Vielleicht war das der Grund, warum sie so viel Zeit damit verbrachte, Namen, Worte, Bedeutungen zu studieren. Warum sie ihre Teenagerjahre in Bücher über Träume, Psychologie, die Mechanik des Gedächtnisses vertiefte. Als könne das Wissen über das menschliche Gehirn ihr erklären, warum manche Menschen so vollständig verschwinden und doch etwas zurücklassen konnten. Als könne das Zerlegen des Bewusstseins ihr sagen, was einen Menschen wirklich real machte.
Vielleicht war das auch der Grund, warum sie bei der erstbesten Gelegenheit ihr Elternhaus verlassen hatte, um zu studieren.
Die Stadt hatte sie förmlich verschluckt mit ihrem kaleidoskopischen Glanz und dem ewigen Surren. Sie studierte Menschen, in der Hoffnung, sich selbst besser zu verstehen. Neuropsychologie. Schlafzyklen. Wahrnehmung. Die Wissenschaft darüber, warum wir träumen, warum wir Muster sehen, die nicht da sind, warum manche Menschen durch die Risse der Realität gleiten, während andere verankert bleiben.
Aber die Wissenschaft war zu sauber, zu starr, zu sehr fixiert auf Gehirnwellen und REM-Phasen und nicht auf das Gefühl, um drei Uhr morgens aus der eigenen Haut zu fahren, gefangen zwischen Wachen und Träumen, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit.
Vielleicht war sie von Anfang an nur halb da gewesen.
So saß sie in einer spärlich beleuchteten Bibliothek um Mitternacht, las über Schlafparalyse, dissoziative Zustände, die Zwischenräume des Bewusstseins, aber nichts davon erklärte, warum sie immer wieder mitten in der Nacht mit Salz auf der Zunge und dem Echo von Wellen in den Ohren aufwachte, obwohl sie meilenweit vom Meer entfernt war.
Nichts davon erklärte, warum ihre Mutter sie immer angesehen hatte, als wäre sie schon damals halb verschwunden gewesen.
Der Bus bewegt sich wie die Gezeiten, langsam und stetig, zieht sie fort von den pastellfarbenen Fluren, die Ruhe ausstrahlen sollten, von den Vorlesungen über veränderte Bewusstseinszustände, fort von der vergeblichen, sterilen Suche nach einer Erklärung dafür, warum wir träumen, wohin unser Geist geht.
Sie kam in die Stadt, um Antworten zu finden, um sich besser zu verstehen.
Aber es stand in keinem Lehrbuch, war nicht in den Scans träumender Gehirne oder in der Analyse der REM-Zyklen zu finden. Sie konnten die Mechanik des Schlafs verfolgen, aber nicht die Orte, zu denen er führte.
Sie verbrachte Nächte damit die Grenzen zu erkunden, sie selbst zu testen. Sie versuchte luzides Träumen, binaurale Beats, Mikrodosierung, manches schien zu funktionieren, aber meistens war es doch nur ihre Interpretation. Einen wirklichen Beweis dafür, was mit dem Bewusstsein wirklich passierte, hatte sie nicht gefunden. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, ging es auch nie darum. Eigentlich suchte sie etwas anderes. Sie suchte einen Beweis dafür, dass ihre Mutter entweder Recht oder Unrecht hatte. Einen Beweis dafür, dass ihr verschwundener Vater mehr war als nur ein Mythos.
So wurde ihr eines Nachts klar, dass sie die Antworten, nach denen andere suchten, nicht interessierte. Dass das nicht ihre Antworten waren und sie ihre Antworten hier nicht finden würde.
Damit war sie bei Schritt zwei: Brich ab. Geh weg. Verschwinde, bevor du verschwindest.
Keine Zeremonie, kein Abschied. Nur eine einzelne E-Mail, eine zurückgelassene Matratze, in der die schwache Form ihres Körpers noch eingeprägt war, wie ein Nachbild. Memory Schaum.
Sie sieht aus dem Busfenster und lässt die bekannte Welt auf eine Größe schrumpfen, die keine Bedeutung mehr hat.
Schritt drei: Finde den Ozean und leg deinen Namen ab.
Der Bus rollt weiter, trägt sie der Flut entgegen. Dorthin, wo ihre Mutter niemals mit ihr hinwollte. Dorthin, wo ihre Träume sie Nacht für Nacht hinführten.
Vielleicht gab es dort für sie mehr als nur Träume, oder vielleicht waren es dort die richtigen Träume.
Sie schließt die Augen, lehnt die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe, lässt die Bewegung sie in den Schlaf wiegen.
Wenn du im Traum die richtige Frage stellst, bekommst du manchmal eine Antwort. Und wenn du sie auf die genau richtige Weise stellst, folgt dir die Antwort manchmal zurück ins Wachsein.
Sie konnte nichts für sein Verschwinden, sein Versagen, ihr nichts als einen Namen gelassen zu haben.
Sie wollte seinen Namen nicht.
An einem neuen Ort, an dem noch niemand etwas mit ihr verband, würde sie ihren Namen eintauschen, gegen etwas anderes, etwas generisches, vielleicht Jane, wie Jane Doe, aber das schrie zu sehr nach schlechtem Karma. Vielleicht Jenna? Ja, Jenna war besser. Nett, einfach, generisch: Jenna.
Ihr Geld würde wahrscheinlich einen Monat reichen. Vielleicht ein wenig länger, wenn sie den richtigen Ort fand. Eine halb verfallene Pension, in der die Laken nach Salz und Wind riechen und die Wände mit den Namen derer bedeckt sind, die hier vorbeikamen, bevor sie wussten, wohin sie eigentlich wollten.
Wenn sie vorsichtig ist, wenn sie sparsam ist, wenn sie isst, wie sie es tat, als sie für für Prüfungen lernte und vergaß, dass Mahlzeiten existierten.
Sie lehnt sich gegen den Bussitz, sieht zu, wie die Welt an ihr vorbeizieht, und sieht auf ihr Armband. Keine neuen Nachrichten. Nicht, dass sie welche erwartet hätte.
Sie hatte eine einzige E-Mail an ihren Tutor geschrieben.
Betreff: Familiärer Notfall.
Ein paar sorgfältig platzierte Worte: Muss für eine Weile nach Hause, plötzliche Situation, hat keinen Einfluss auf mein Studium, brauche nur etwas Zeit.
Gerade genug, um die Dinge hinauszuzögern, sich Luft zu verschaffen, zu verhindern, dass sie sofort als Studienabbrecherin gemeldet wurde.
Ihr Stipendium würde so noch eine Weile weiterlaufen. Ein letztes Sicherheitsnetz, bevor klar sein würde, dass die nicht zurückkäme.
Und danach?
Sie würde es herausfinden.
Die Leute fanden immer einen Weg.
Oder auch nicht.
So oder so, kam Umkehren jetzt nicht mehr in Frage.
Sie driftet in eine Art Schlaf, der kein richtiger Schlaf ist, nur eine lange, langsame Aussetzung der Zeit. Die Art, die man in Bussen hat, in Flugzeugen, in Wartezimmern, wo der Körper zusammengesackt, der Geist irgendwo knapp unter der Oberfläche schwebt, schwerelos, aber nie ganz losgelöst.
Nicht ganz wach, nicht ganz träumend.
Stattdessen Eindrücke: flüchtig, halb geformt. Eine Bewegung am Rande der Wahrnehmung. Das monotone Brummen des Motors faltet sich in etwas Tieferes, Rhythmisches, fast wie Wellen. Gesichter verschwimmen, dehnen sich, lösen sich hinter ihren Lidern auf. Das Anschnallzeichen eines Flugzeugs, in dem sie nicht sitzt. Eine Stimme, vielleicht die ihrer Mutter, vielleicht auch nicht, die etwas sagt, das sie nicht ganz greifen kann.
Die Stunden dehnen sich, dann ziehen sie sich wieder zusammen.
Hin und wieder wacht sie auf, blinzelt in die vorbeiziehende Landschaft, spürt das Ziehen in ihrem Nacken, das Gewicht des Schlafs, das schwer und träge auf ihr lastet. Rutscht ein Stück tiefer, lässt sich wieder von der Bewegung des Busses unterziehen.
Die Welt draußen verändert sich.
Die Zeit vergeht und sie lässt es geschehen.
Eine Hand auf ihre Schulter, fest, aber nicht grob. Eine raue Stimme zieht sie Schicht für Schicht aus dem Schlaf, wie einen Taucher, der zu schnell auftaucht.
„Endstation.“
Sie blinzelt, orientierungslos. Die Welt ist zu scharf, zu grell, die Sonne bricht durch das zerkratzte Fenster, brennt die letzten Reste des Dämmerzustands aus ihr heraus.
Der Busfahrer sieht sie an; müde, aber geduldig. So, wie Menschen eben schauen, wenn sie den letzten schlafenden Fahrgast am Stopp wecken.
„Wir sind da.“
Er tritt einen Schritt zurück, gibt ihr Raum, wieder zu sich selbst zu kommen.
Sie schiebt ihr Haar aus dem Gesicht, nickt. Ihr Körper ist steif von den Stunden in der gleichen Position, ihr Mund trocken, ihre Gedanken noch verknotet in den halben Träumen, durch die sie geglitten ist.
Draußen, hinter dem Fenster sieht sie ihn: den Ozean.
Sie steht auf, greift nach ihrer Tasche, bewegt sich zum Ausgang. Der Bus ist leer, nur die Geister vergangener Fahrgäste bleiben zurück. Zerknüllte Snackverpackungen, der diffuse Geruch von zu vielen unterschiedlichen Leben, die denselben engen Raum durchquert haben.
Als sie die Stufen hinunter auf den Asphalt tritt, sieht sie als Erstes das Schild.
Ein rostiges Ding, ausgebleicht von der Sonne, übersät mit Stickern und unleserlichem Graffiti. Es hatte einmal „SANTA ONDA“ dort gestanden, in klaren, offiziellen Druckbuchstaben , aber irgendwann — vielleicht vor Jahren, vielleicht letzte Woche — hatte jemand es mit dicker schwarzer Farbe durchgestrichen.
„SAINT NOWHERE“ prangte da nun, hastig darüber gekritzelt.
Darunter, in Schichten verschiedener Handschriften, aus verschiedenen Jahren:
– Driftwood Bay
– Saltwater End
– Santa Perdida
Jemand hatte sogar, ganz unten, in kleiner, akkurater Schrift hinzugefügt:
„Willkommen im letzten Ort, von dem du jemals geträumt hättest zu landen.“
Hinter ihr zischt die Bustür zu. Der Fahrer fährt weiter, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie hatte den Ozean gefunden.
