Kapitel 2 – Dreamwave

Das Stadtzentrum liegt direkt an der Küste, dort, wo der Wind stark genug ist, um die Hitze nicht zu tief einsinken zu lassen, wo der Himmel mit den bunten Kites der Wochenendsurfer durchzogen ist. Neonstreifen vor dem endlosem Blau des Meeres und dem Rot des ins Wasser ragenden Berges.

Strandbars mit handbemalten Schildern, Speisekarten, hastig in verschiedenen Sprachen gekritzelt, damit jeder, der zufällig herein stolpert, etwas findet. Cafés, in denen der Kaffee überteuert ist, aber mit Hafermilch und Affirmationskarten serviert wird. Läden voller Silberschmuck, Leinenhemden, in Meeresfarben gefärbte Wandtücher. Alles überteuert für Touristen, die die Illusion eines anderen Lebens kaufen wollen.

Es muss leicht sein, sich hier für ein Wochenende zu verlieren. Für eine Woche oder bis das Rückflugticket einen daran erinnert, dass irgendwo anders ein Leben auf einen wartet.

Auf sie wartet nichts.

Das Hostel ist leicht zu finden. Ein von der Sonne gezeichnetes Haus am Rande des Zentrums, aber zentrumsnah mit abblätterndem türkisfarbenem Anstrich und einem Schild, das kaum noch an seinen Scharnieren hängt. Die Buchstaben „Sueño Azul“ sind fast völlig verblasst, aber jemand hat in dicker schwarzer Schrift daruntergekritzelt: 

„Ain’t No Place Like Nowhere.“

Drinnen liegt der Duft von Räucherstäbchen, Sonnencreme und einem Hauch von Tequila in der Luft. Eine zusammengewürfelte Ansammlung von Möbeln verteilt sich über den Empfangsraum. Das Wort Lobby passt einfach nicht.

Ein abgewetztes Sofa und zwei Sessel.  In einem der beiden sitzt ein Typ, vielleicht Ende vierzig, vielleicht Anfang fünfzig. Braun gebrannt, Haut vom Wetter gegerbt, sportlich schlank und barfuß. Er sieht den zwei Teenagern in der Ecke zu, wie sie sich auf einem alten schweren Holzkicker ein Match liefern.  Die Rezeption ist scheinbar unbesetzt.

 Der Typ auf dem Sessel dreht den Kopf kurz zu ihr rüber. 

„Suchst du ein Bett oder bist du nur auf der Durchreise?“

Sie lässt ihre Tasche auf den Boden sinken, behält jedoch den Riemen in der Hand, allzeit fluchtbereit. 

„Kommt auf den Preis an.“

Er schnaubt, fährt sich mit der Hand durch die sonnengebleichten blonden Locken.

„Alles hängt vom Preis ab.“

Es stellt sich heraus, dass der offizielle Preis lächerlich ist. Mehr, als sie sich leisten kann. Wahrscheinlich das, was die Leute zahlen, wenn sie online aus irgendeiner Stadtwohnung buchen.

Aber Orte wie diese sind Leute wie sie gewohnt und können es sich nicht leisten, zahlende Gäste abzuweisen, auch wenn sie vielleicht nicht den vollen Preis zahlen können. Orte wie diese sind selten voll ausgebucht und funktionieren eben nicht nur nach offiziellen Preisen. 

„Hör zu,“sagt sie und verlagert ihr Gewicht. „Ich bin gerade erst angekommen. Ich kann nicht für einen Monat im Voraus zahlen, aber ich bleibe mindestens so lange. Gibt’s einen Langzeittarif?“

Er streckt sich, überlegt. 

„Einen Monat, huh? Arbeitest du?“

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Auf die Arbeit.”

Sein Grinsen ist langsam, träge. „Du bist keine Kellnerin, oder?“ 

Sie schüttelt den Kopf. „Traumfänger.“

Jetzt lacht er laut auf. „Das ist mal was Neues.“

 „Selbstgemacht” fügt die rasch hinzu um das Missverständnis aufzuklären. “Wenn ich sie hier verkaufen darf, bekommst du deinen Anteil.”

Wieder lacht er, aber es spielt ihr in die Karten. Sie hat sein Interesse geweckt und sie sieht, wie es hinter seinen Augen klickt. Er braucht keine weitere abgebrannte Reisende, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Aber handgemachter Kram verkauft sich. Touristen reißen sich um alles, was nach Bedeutung aussieht, nach etwas, das sie mitnehmen und mit einer Geschichte ausschmücken können. 

Er lehnt sich zurück, mustert sie, als würde er über ihr Angebot nachdenken. Weder ablehnend noch zustimmend, nur nachdenklich. 

„Surfst du?” fragt er plötzlich. 

Sie zögert. „Noch nicht.“

Das bringt ihm ein breiteres Grinsen ein.

“Wenn du vor hast zu bleiben, brauchst du ein Board.” Er zeigt auf das alte Teil unter der Decke. “Das will mal wieder ausgefahren werden.” Wenn du es schaffst binnen zwei Wochen darauf zu stehen, kannst du bleiben. Zweihundert die Woche. Ansonsten musst du nach zwei Wochen abreisen und es gilt der offizielle Tarif.”

Sie widerspricht nicht. Zuckt nur beiläufig die Schultern, als würde sie nicht gerade den nächsten Monat ihres Lebens auf diesen Moment setzen. 

„Du wäschst deine eigenen Laken, und ich will zehn Prozent von dem, was deine Traumdinger einbringen.“ 

Sie neigt den Kopf. „Fünf Prozent.“ 

„Acht. Und du kannst die Waschmaschine gratis benutzen.“

Sie tut so, als würde sie überlegen. Als hätte sie eine Wahl. 

„Deal.“

Das Zimmer ist klein, kaum genug Platz für die beiden Etagenbetten. Über ihr dreht sich ein Ventilator träge, die Luft trägt den salzigen Duft des Meeres durch das halb geöffnete Fenster. 

Sasha stellt ihre Tasche neben dem unteren Bett ab. Am äußeren Rand des Bettes hängt ein blaues Laken, um den Bewohnern zwei Quadratmeter Privatsphäre zu gewähren. Das Blau soll wohl den Himmel darstellen, erinnert aber eher an etwas, das aus einer Krankenhausstation stammt. Ein Blau, das zu oft gewaschen wurde, ausgebleicht zu etwas Sterilem, Ungewissem. Es bewegt sich leicht in der Brise des Ventilators, wirft blasse Wellen aus Licht über die dahinter liegende Matratze. 

Ihr zugewiesener Schrank ist klein, aber stabil, in einem dunklen Grün gestrichen. Sie dreht das Zahlenschloss, denkt an grün wie Bäume als Mnemotechnik, bis die Nummern, die sie an der Rezeption bekommen hat, stimmen. Vier Ziffern: 6734. Das Schloss öffnet mit einem leisen Knacken. Für einen kleinen Moment ergreift sie ein Gefühl des Unbehagens, als müsse sie hier weg. Sie sieht einen tief öffnenden Spalt. Aufziehende Migräne? Der Schrank öffnet sich. Hinter ihm verbirgt sich nichts weiter als Leere. Gerade genug Platz für das Nötigste. 

Das hier wird für eine Weile ihr Zuhause sein. 

Sie richtet sich auf, rollt die Schultern, lauscht den Geräuschen, die durch die dünnen Wände aus dem Gemeinschaftsraum dringen: Lachen, das sanfte Zupfen einer Gitarre, das unverkennbare Klappern von jemandem, der in der Küche Kaffee macht. 

Sie tritt hinaus, lässt den Ort sich um sie herum entfalten. 

Die Küche ist hell und sauber, überraschend gut in Schuss für ein Hostel. Weiße Fliesen, offene Regale, türkisfarbene Stühle, die um einen langen Holztisch gruppiert sind. Über der Spüle hängen bunte, zusammengewürfelte Tassen an Haken, und an den Kühlschrank ist ein handgeschriebenes Schild geklebt: 

„TAKE WHAT YOU NEED, LEAVE WHAT YOU CAN (COFFEE IS SACRED).” 

Sie nimmt sich vor, später etwas beizusteuern. 

Der Gemeinschaftsraum ist noch besser. Über das niedrige Holzpodest verstreut liegen Sitzsäcke, an die Wand gelehnt eine geteilte Gitarre, ein Bücherregal voller zurückgelassener Bücher von Reisenden, die vor ihr hier waren. 

Als sie vorbeigeht, fährt sie mit den Fingern über die Buchrücken; Titel in Spanisch, Englisch, Deutsch, Französisch, einige so ausgeblichen, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Manche haben Notizen in den Rand geschrieben, vergessene Kassenbons als Lesezeichen zwischen den Seiten. Bücher, die jemand mitgebracht hatte, um sie zu lesen, und dann doch zurückließ. Sie nimmt sich ein zerfleddertes Paperback: The Moon and Sixpence von W. Somerset Maugham.

Auf einem Sitzsack liegt ein Typ mit langen, von der Sonne gebleichten Haaren, blättert träge durch einen Reiseführer, sein Fuß klopft im Rhythmus der Gitarrenakkorde, die von irgendwoher kommen.  Sascha hat keine Lust sich zu unterhalten und das scheint okay zu sein.

Hier ist alles easy. 

Sie lässt sich in einen freien Sitzsack sinken, streckt die Beine aus, lässt die Last des Ankommens auch bei sich ankommen, um sich zu erden. Sie hat noch nicht wirklich darüber nachgedacht, was als Nächstes kommt. 

Aber für den Moment reicht es, dass sie hier ist.

Sie blättert im Buch herum, kann sich jedoch nicht recht konzentrieren.

Sie muss noch auspacken.

Gegen späten Nachmittag kühlt sich die Luft ab, wenngleich nur ein wenig. Der Wind zerrt noch immer an losen Stoffbahnen, rüttelt an den hölzernen Fensterläden. Unten am Strand hat eine Trommelrunde begonnen, der gleichmäßige Puls trägt sich durch die offenen Fenster. Der Gemeinschaftsraum ist jetzt voller Körper, die sich in Sitzsäcken räkeln, Stimmen gedämpft, ruhig, das langsame Tempo eines Ortes, an dem niemand in Eile ist, irgendwohin zu müssen. 

Ein Ort, an dem Gespräche mühelos beginnen, an dem Namen nicht viel bedeuten, es sei denn, man bleibt lange genug, um ihnen Bedeutung zu geben.

Sasha — nein, Jenna.

Sie geht in die Küche, setzt Teewasser auf und sucht derweil nach einem Teebeutel in einem der Unterschränke. Sie hört wie jemand neben ihr die Kühlschranktür öffnet und vor ihrer Nase erscheint plötzlich eine Bierflasche.

Ohne nachzudenken nimmt sie die Flasche an, bricht die Suche nach dem Teebeutel ab und richtet sich auf, um den edlen Spender anzusehen.

Der Typ ihr gegenüber ist gebräunt und hat dunkle Haare. Er trägt ein halb geöffnetes Leinenhemd, das darauf hindeutet, dass er entweder gerade vom Strand kommt oder ihn nie wirklich verlassen hat. Er sieht sie aus blauen, strahlenden Augen an.

„Prost!“ sagt er und hält ihr seine Flasche entgegen. Sie stößt mit ihrer an. Das Bier ist angenehm kühl und das Wasser der kalten Flasche kondensiert auf dem Glas.

„Erste Nacht hier?“

Sie nickt. 

Er zeigt auf sie Sitzsäcke und die lassen sich darauf nieder.  „Bist du zum Surfen hier?“

Die Standardfrage. Die, die hier scheinbar jeder stellt. 

„Sieht ganz so aus,“ sagt sie, ohne weiter zu reden.

„Sandys Board?“, fragt er wissend. „Das heißt, du wirst es lernen.”

Sie widerspricht nicht. Niemand kommt an einen Ort wie diesen und geht, ohne es wenigstens zu versuchen. 

„Und du?“, fragt sie und nimmt einen Schluck Bier. 

„Ich konnte schon surfen, als ich hier angekommen bin.“

Sie hebt eine Augenbraue. „Und wann war das?“ 

Er zögert, dann zuckt er mit den Schultern, als wüsste er selbst nicht mehr genau die Antwort. 

„Vor ein paar Monaten. Vielleicht mehr.“

Keine Lüge, nur das natürliche Verblassen von Zeit an Orten wie diesem.

„Und davor?“

„Irgendwo anders.“

Eine Nicht-Antwort, aber sie hakt nicht nach. Niemand kommt nach Santa Onda, weil sein Leben auf Kurs ist.

Sie verfallen in ein angenehmes Schweigen, das nicht gefüllt werden muss. Um sie herum summt der Raum leise. Gespräche, das sanfte Zupfen einer Gitarre, gelegentlich ein Lachen aus der kleinen Gruppe an der Küchentheke. 

Sie lässt sich hineinfallen. In das Gefühl, hier zu sein. Nirgendwo.

„Hast du einen Namen?“fragt er schließlich. 

Sie hält inne. 

Nur einen Sekundenbruchteil zu lang. 

„Jenna,“  sagt sie dann, und es klingt weich, unbeschwert. 

Keine Lüge. Nicht wirklich. 

Nur etwas Neues. 

Er beobachtet sie kurz, nickt dann, als würde er sich den Namen abspeichern. 

„Schön, dich kennenzulernen, Jenna. Ich bin Wes.“

„Wes,“ wiederholt sie, testet den Klang. 

„Kurz für Wesley, aber niemand nennt mich so. Außer wenn er sauer auf mich ist.“

„Und passiert das oft?“

Sein Grinsen ist schief, träge. „Öfter, als du denkst. Weniger, als ich verdiene.“

Sie schnaubt ein Lachen aus. Das erste echte seit langem.

Wes hebt sein Bier zu einem lässigen Toast. 

„Willkommen in Saint Nowhere, Jenna.“

Sie stößt ihre Flasche gegen seine, das Glas fängt das gedämpfte Licht ein. 

Und zum ersten Mal fühlt sich ihr Name nicht wie etwas an, an dem sie sich festhalten muss, sondern wie etwas, das sie loslassen kann. Ein neuer Name, mit dem sie sich treiben lassen kann.


Sie erwacht davon, dass eines der blauen Laken über ihr Gesicht streicht, bewegt von einer Brise durch das halboffene Fenster.

Es braucht eine Weile bis sie versteht, wo sie ist.

Santa Onda.

Jenna nicht Sascha.

Der Ventilator ist aus.

Irgendwer muss ihn ausgeschaltet haben, oder vielleicht gab es eine automatische Steuerung?

Sie hatte nichts mehr von ihren Zimmergenossen mitbekommen.

Nach dem Auspacken hatte sie sich einfach auf das Bett fallen lassen. Erschöpft.  

Dabei hatte Sie kaum etwas zum Auspacken gehabt: Unterwäsche für eine Woche, ein paar T-Shirts, zwei Hosen, einen Pulli, eine Jacke. Aber sie hatte Kopfschmerzen gehabt. Vielleicht hatte die Anreise doch mehr an ihr gezehrt, vielleicht war es auch der Entschluss selbst, der Kraft gekostet hatte. Jedenfalls hatte sie sich mit dem Buch aus dem Gemeinschaftssaal auf dem Bett niedergelassen und angefangen zu lesen.

Ein Buch, wahllos aus dem Regal gegriffen und doch sprach es zu ihr in einer Weise, die ihr Unbehagen bereitete. Es handelte von einem Geschäftsmann, scheinbar glücklich verheiratet, der seine Familie von einem Tag auf dem anderen verlässt. Nicht aus Unzufriedenheit, nicht für eine andere Frau, sondern schlichtweg, weil er auf einmal nicht mehr wollte, etwas anderes wollte.

Wie groß konnten Zufälle sein, dass Sie ausgerechnet dieses Buch gegriffen hatte?

War es ihrem Vater damals auch so gegangen? War auch er einfach fortgegangen, weil er etwas anderes wollte?

War er gar nicht in den Wellen verschwunden, von denen sie seit ihrer Kindheit träumte?

Als sie darüber nachdenkt, fällt ihr auf, dass Sie sich nicht an ihren Traum der letzten Nacht erinnern kann. Sie konnte sich sonst immer an ihre Träume erinnern. Sie liegt noch eine Weile da, auf den Rahmen des oberen Betts starrend und sucht ihren Kopf ab, nach Bildern, Fetzen, Fragmenten. Aber da ist nichts, nur traumlose Leere.

Sie richtet sich auf. Leise. Die anderen schlafen alle noch. Sie kann deren gleichmäßigen Atem und sogar leises Schnarchen aus dem anderen Etagenbett hören.

Sie verlässt das Zimmer, geht direkt auf die Lobby zu. Auf den Ausgang.

Von dort aus Richtung Meer.

Das Stadtzentrum liegt rechts von ihr.

Sie geht zunächst am Strand entlang, so weit sie kann. Ebbe. Der Sand ist nass und fest unter ihren Füßen.  Die Sonne steht noch tief hinter ihr,  leuchtet golden und lässt den Sand glänzen.  Seine Grundfarbe ist dunkel, fast schwarz, durchzogen von einer zweiten, helleren Art Sand, die golden schimmert. Er erinnert Jenna an Tigeraugen.

Der rote Berg, der ins Wasser ragt, fängt die Sonnenstrahlen auf, als speichere er die Wärme.  Er wirkt wie ein Statement, majestätisch, immerwährend, trotz der Wellen, die gegen ihn schlagen, fortwährend aufbrechen und schäumen.

Noch ist der Strand fast leer. Ein paar Jogger kommen ihr entgegen, andere überholen sie. Jung, alt, bestrebt fit zu bleiben. Hunde, die mit ihren Menschen spazieren gehen. Ob das hier überhaupt erlaubt ist? Andererseits, wer sollte hier um diese Uhrzeit kontrollieren?

Der Strandabschnitt ist zu Ende. Jenna ist gezwungen auf dem Boardwalk weiterzugehen, vorbei an geschlossenen Cafés, Souvenir- und Kleiderläden. 

Am Ende der Einkaufsmeile ist eine Strandbar, die noch im Tiefschlaf liegt. Nur die Holztische, die bereits eher Treibholz gleichen, erzählen die Geschichten ihrer Gäste: Sprüche, Namen und Symbole, über Jahre hinweg dort eingeritzt.

Daneben, markiert eine Surfschule das Ende des Holzwegs. „Lerne Surfen in sieben Tagen“, prangt auf einem Plakat und Sandys Board fällt ihr wieder ein.

Sie hat dazu vierzehn Tage, wenn sie bleiben will. Aber sie hat kein Geld, um Surfunterricht zu nehmen.

 Dann eben so: Auf das Board legen, mit den Armen rauspaddeln, aufstehen und über die Wellen gleiten. Ganz einfach.

Sie wusste, dass es nicht so simpel war. Aber sie würde es probieren, würde so lange herunterfallen, so lange aufstehen, bis sie stand und mit den Wellen gleiten konnte.

Ab hier erstreckt sich wieder ein langer Strandabschnitt. Jenna bleibt stehen und schaut hinaus aufs Meer. Das Wasser ist tiefblau und läuft am Horizont in einer schmalen, silbernen Linie aus. Darüber türmen sich ein paar Cumuli-Wolken. Gerade genug, um eine leichte Brise zu bringen. Der Himmel dazwischen ist hellblau. Mittelhohe Wellen rollen vom Horizont heran, zerbrechen am Ufer zu weißer Gischt, ziehen sich zurück und hinterlassen tiefe Riffel im Sand. Der Ozean hat Kraft.

Dann, als hätten ihre Gedanken ans Surfen die Szene hinaufgeschworen, sieht sie weit draußen, wie sich aus einer Welle heraus eine schwarze Silhouette aufrichtet. Ein Körper auf einem Brett, der die Welle ergreift, mühelos gleitet, kurz einlenkt, dann wieder hinausgetragen wird, den Schwung mitnehmend. Es wirkt elegant, selbstverständlich, als gehörten Körper und Wasser zusammen.

Die Gestalt lässt sich von der Welle ans Ufer tragen und gleitet kurz davor ins Wasser. Ein junger Mann im schwarzen Wetsuit taucht auf, dunkles, halblanges, Haar, aus dem Wasser tropft. Er greift nach dem Board, läuft ans Ufer und nickt ihr fast beiläufig zu, bevor er mit dem Brett unter dem Arm direkt auf die Surfschule zusteuert.


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