Der richtige Schlüssel (Kanon in D)

Für Martin und meine Mage-Gruppe

Iridium Flare erwachte durch die Vibration Ihres Armbandalarms, und dem sanften Leuchten von Bernstein- und Magentatönen, die an ihre Zimmerdecke projiziert wurden. Die Farben waren perfekt: beruhigend und energetisierend zugleich. Sie waren eine Reflektion ihres optimierten Farbharmonieprofils. Sie lag auf dem Rücken und ihr Blick verweilte noch für einige Minuten auf den beruhigenden Farben, bis sie sich schließlich aufrichtete und ihre Füße gen Boden schwang.  

„Weisheit, Ehrgeiz, Verbindungen und Kreativität – eine ausgeglichene Kombination,“ murmelte sie zu sich selbst und ahmte die Stimme des Profilkalibrierungsberaters nach, an dessen Seminar sie letzten Monat an der Uni teilgenommen hatte.

Bis dahin hatte sich ihr Farbharmonieprofil als ein langes, frustrierendes Projekt erwiesen. Es war, wie ihre Stimmungen, immer unausgeglichen gewesen, da sie zu viele unterschiedliche Aspekte ihrer Persönlichkeit hatte vereinen wollen.  Nun war es weniger aufregend, dafür aber stabil und Iridium musste zugeben, dass es funktionierte. Ihre Professoren hatten endlich angefangen ihr mit Wertschätzung statt Abschätzung zu begegnen. Sie hatte als Studierende, die ursprünglich aus dem unterprivilegierten Rust Sektor, einem Randbezirk von Chromapolis kam, über die Uni sogar eine Einladung zur diesjährigen Wohltätigkeitsveranstaltung des Milliardärs Augustus „Gus“ Vermillion erhalten.

 Türen schienen sich endlich für sie zu öffnen. Zumindest metaphorisch gesprochen.

Was die echten Türen anging, so brauchten einige davon noch etwas noch etwas Nachhilfe.

Nach einem kurzen Frühstück machte Iridium sich von ihrer Wohnung nahe des Universitätscampus auf zum Güterwagon Nr. 13 im Rost Bezirk. Der alte, stillgelegte Güterbahnhof lag etwas außerhalb der geschäftigeren Ecken und war einer ihrer absoluten Lieblingsorte in Chromapolis. Sie hatte Wagon Nr. 13 als ihr kleines Geheimprojekt auserkoren. Er war alt, ramponiert und verrostet, aber seine Oberfläche war glatt genug, als dass man darauf gut sprayen konnte.

Ihr neuestes Werk war eine Explosion scharfer, kantiger Formen, überlagert mit farbigen Spiralen, die absichtlich rau und asymmetrisch anmuteten.

Wie mit ihrem Farbharmonieprofil hatte Iridium auch hier viel Mühe darauf verwendet, die Farbpalette des Umfelds mit in das Werk einfließen zu lassen. Dafür hatte sie die Farben des gesamten Bezirks mehr oder weniger kartografiert, denn sie wollte, dass ihr Kunstwerk bleiben durfte und nicht wie so viele Male zuvor wieder von den City Weavers entfernt wurde. City Weavers waren verschiedenartige Bots, die alle im Auftrag der Stadt Instandhaltungsarbeiten ausführten. Dazu zählte eben auch das Entfernen unpassender Kunstwerke, wenngleich Graffiti an sich in Chromapolis nicht verboten war.
Alle 14 Tage konnte man sich in der Stadt sogar eine Ballettaufführung der Reinigungsbots ansehen, eine Initiative von Chromapolis Kulturbüro, um die Akzeptanz der Ordnungsbots unter den Einwohnern zu stärken. Zudem war die Aufführung auch eine beliebte Touristenattraktion. Iridium fand sie einfach nur peinlich.


Die Farbtöne des Viertels setzten sich aus verschiedenen Rottönen, komplementiert von gedämpften Violet-, kühlen Grautönen und sogar warmem Gold zusammen. Iridium hatte gerade so viel davon mit in ihre Komposition hineingewoben, als dass sie glaubte, dass ihr Werk nicht sofort entfernt werden würde.

Bisher sprach alles für ihre Arbeit, denn ihre ersten Umrisse waren noch intakt und unberührt von den wohlmeinenden City Weavers. Vielleicht würde dieses Werk tatsächlich mal der Untersuchung standhalten und nicht als Störung, sondern als Beitrag zur Stadtteilverschönerung gewertet werden. Ein Kunstwerk, das bleiben durfte.

Iridium nahm eine Dose violetter Sprühfarbe in die Hand und setzte ihr Werk fort. Sie füllte einen gezackten Bogen aus und setzte ihn mit etwas grau ab, um die scharfen Kanten weicher erscheinen zu lassen. Ihr Ziel war es, in ihrem Werk den schmalen Grat zwischen Akzeptanz, Disruption und Integration auszudrücken und zu treffen. Sie tauschte die Sprühdosen mit geübter Schnelligkeit aus. Es war, als tanze sie zwischen den komplementären Farben, die auf das rostige Metall trafen und sie verspürte bei Ihrer Arbeit so etwas wie eine leichte Trance aufkommen. Iridium war in ihrem Element.  

Das Werk nahm immer mehr an Form an. Im Licht des durchkomponierten Stadthimmels schienen die von ihr geschichteten Spiralen sich fast zu bewegen. Sie umrandete die untere Hälfte mit scharfen geometrischen Konturen in Gold. Es war gerade genug, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber noch immer so weit im bewährten Spektrum verankert, als dass es sich in gut in die Umgebung einfügte.

Am späten Vormittag war das Werk fast fertig. Iridium ging ein paar Meter zurück, um es zu betrachten. Sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Es pulsierte zwar mit ihrer intensiven Signatur, war aber dennoch subtil genug, um keinen Anstoß zu erregen. Es würde bleiben. Es musste bleiben. Sie hatte einen Teil von sich in das Werk fließen lassen. Es hatte Seele.

Sie nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche, griff ihren Rucksack und lief zur hinteren Seite des Güterwagons, wo sie sich auf die untere Metallstufe des dortigen Einstiegs setzte. Es war ruhig hier draußen. Für ein paar Minuten genoss sie die Stille sowie den Geruch der noch feuchten Farbe und des abblätternden Rosts. Als sie aufstand, strich sie wie jedes Mal mit der Hand über die Tür des Wagons und fuhr den Spalt zwischen Tür und Wagon mit den Fingern nach. Sie hatte mehrmals versucht, die Tür zu öffnen, sogar aufzuhebeln..Aber die Tür war mit einem Schießmechanismus verriegelt und ließ sich nicht bewegen.

Iridium sah sich nicht nur als Graffitikünstlerin oder Ingenieursstudentin, sie sah sich als Problemlöserin. Diese Tür war ein Problem, das sie zu lösen gedachte. Eines Tages würde sie die Tür öffnen und die Geheimnisse, die sich dahinter verbargen, lüften. Aber jetzt brauchte sie erstmal eine Stärkung.  

Sie ging in den belebteren Teil des Rost Bezirks hinüber und fand sich zu Mittag an ihrem gewohnten Platz im Rusty Spoon ein, einem beliebten asiatischen Imbissladen, um eine heiße Miso-Suppe zu schlürfen. Kestrel, der drahtige Koch und Sohn des Inhabers lehnte sich gegen den Tresen und sah ihr beim Essen mit seinem üblichen Grinsen zu.

Kestrel hatte kurze schwarze Haare, markante Wangenknochen sowie eine athletische Statur. Er sah aus, als gehöre er eigentlich in einen Martial-Arts-Film und bewegte sich auf eine derart selbstbewusste Art, die einen annehmen ließ, dass er Leute nur mit Essstäbchen entwaffnen könnte. Er war eine der wenigen Personen im Rost Bezirk, der mit einer fettverschmierten Schürze gut aussah.

„Na, grübelst du noch immer darüber nach, wie du die Tür an deinem Güterwagon aufbekommst?“ fragte er und warf sein Messer mit einer betonten Lässigkeit in die Luft, sodass es sich einmal um die eigene Achse drehte, bevor er es auffing, um damit weiter Zwiebeln zu schneiden.

„Es ist kein Grübeln,“ widersprach Iridium zwischen zwei Löffeln, “sondern strategische Planung.“

„Natürlich,“ lachte Kestrel und griff nach etwas unter dem Tresen. „Nun, ich habe hier vielleicht eine Kleinigkeit, die dir bei deiner strategischen Planung helfen könnte. „

Er legte ein kugelschreiberförmiges Gerät auf den Tresen und schob es mit einer Bewegung zu ihr hinüber, die viel zu einstudiert wirkte, um wirklich lässig zu sein.

„Elektronischer Dietrich. Alte Technologie. Ich habe es auf dem Schwarzmarkt im Slate Bezirk entdeckt,“ sagte Kestrel und sah ihr gespannt zu, als sie es bewundernd in die Hand nahm.  

Iridiums Augen weiteten sich. „Und das gibst du mir einfach so? Warum?“

Kestrel zuckte mit den Schultern, sichtlich bemüht locker rüberzukommen. „Sieh es als eine Investition an.“

„Investition in was?“ fragte Iridium argwöhnisch und sah von dem Gerät zu ihm auf, um seinen Blick einzufangen. Errötete er etwa gerade?

Kestrel drehte sich abrupt von ihr ab zum gegenüberstehenden Flachgrill und tat so, als müsse er die Hitze regulieren.

„Keine Ahnung, ob das Ding überhaupt funktioniert,“ rief er über seine Schulter, noch immer mit dem Grill beschäftigt.  „War nicht teuer. Aber ich dachte, wenn es jemanden gibt, der das irgendwie gebrauchen und wenn nötig reparieren kann, dann bist du es. Und hey, wenn du rausbekommst, wie das Ding funktioniert, werde ich ganz sicher dein erster Kunde für zukünftige Tech-Reparatur-Jobs.“

Iridium war sich nicht sicher, ob sie das Geschenk wirklich annehmen sollte. Sie wollte Kestrel keine falschen Hoffnungen machen. Andererseits konnte dieses Gerät genau das sein, was sie benötigte, um den Güterwagon endlich aufzubekommen. Sie drehte das Gerät in ihrer Hand hin und her. „Wow. Danke. Das ist echt cool. Vielleicht ist es wirklich genau, was ich brauche, um die blöde Tür zu öffnen. Ich sehe es mir auf jeden Fall nachher in der Uni-Werkstatt an.“

Sie steckte das Gerät in ihren Rucksack und machte sich daran, den Rest ihrer Nudeln zu essen.
Um sie herum machte sich der Geruch des brutzelnden Fleisches breit, das Kestrel aufgelegt hatte. Ein paar neue Kunden betraten den Imbiss. Kestrel drehte sich zu ihnen um, um sie zu begrüßen. Iridium war etwas beruhigt, das er auch bei ihnen seinen Charm spielen ließ. Vielleicht hatte sie eben zu viel in das kleine Geschenk hineininterpretiert. Kestrel war ein geborener Gastgeber.

Iridiums Gedanken wanderten wieder zu dem Gerät und zu den Werkzeugen, die sie benötigen würde, um das Gerät zu öffnen.  Ein paar Minuten später ließ sie sich vom Hocker rutschen. Sie hatte bereits bei der Bestellung bezahlt und nickte Kestrel, der mit den anderen Gästen beschäftigt war, zum Abschied zu.

Als Iridium am Fabrikations Labor ankam, das von Studierenden und Dozenten gleichermaßen nur FabLab genannt wurde, hatte sie gedanklich schon unzählige Möglichkeiten durchgespielt. Wenn der elektronische Dietrich funktionierte, würde sie die Tür zum Güterwagon vielleicht endlich öffnen können. Vielleicht sogar noch heute.

Sie räumte ihre Werkbank mit schnellen und präzisen Bewegungen frei und suchte sich die nötigen Werkzeuge zusammen. Immerhin hatte sie sich hierin im Studium bereits schon einiges an Routine aneignen können, worauf sie durchaus stolz war.

Sie holte das Gerät aus ihrem Rucksack und inspizierte es erneut. Dieses Mal unter einer Stehlampe mit einer Lupe, die sie an die Werkbank geklemmt hatte. Iridium studierte alle Schrauben und Verbindungen. Nur mit der Ruhe. Sie musste es sezieren, ohne es zu zerstören. Sie suchte nach der einfachsten und am wenigsten destruktiven Methode das Gerät zu öffnen. Es musste die Operation überstehen.

Es stellte sich heraus, dass sich das Gerät recht einfach aufschrauben ließ. Die Schrauben waren leicht korrodiert, doch sie verwendete ein Schmiermittel, um diese zu lockern. Es waren keine Komponenten verklebt oder verschweißt, wie es bei den meisten neueren technischen Geräten der Fall war und sie benötigte kaum Spezialwerkzeuge, auch wenn das FabLab hier ganz gut ausgestattet war. Im Inneren zeigten sich auch die Schaltungen als einfach, aber effizient.

„Alte Bauweise”, stellte Iridium anerkennend fest.

Sie lokalisierte schnell die Stellen, an denen sich einige Verbindungen mit der Zeit gelöst hatten und lötete diese wieder zusammen. Die Basisfunktionen sollten so nun wiederhergestellt sein. Jetzt überlegte Iridium weitere Optionen.

Mal sehen.

Vielleicht könnte sie einen Signalstörer einbauen, um kompliziertere Schlösser zu knacken, oder eine Möglichkeit, um auf manuelle Überbrückung umschalten zu können im Falle eines Notfalls.
Konnte sie eventuell einen dieser nervigen Bots abschießen, die im Rost Bezirk herumschwebten und Kunstwerke zur Entfernung markierten? Sicherlich konnte man so einen Bot für wertvolle Teile ausschlachten, z.B. um ein biometrisches Lesegerät einzubauen. Dies erschien ihr allerdings eher etwas für ein zukünftiges Projekt. Sie würde sich die Idee merken.  

„Beginnen wir mal einfach,“ sagte sie und griff erneut zum Lötkolben.

Eine Stunde später hatte sie das schwache Energiemodul gegen ein effizienteres getauscht und noch einen Stabilisator für höhere Präzision eingebaut. Sie schraubte alles wieder zusammen. Die mühsam in ihrem bisherigen Ingenieurstudium erworbenen Fähigkeiten zahlten sich endlich aus. Sie betätigte den Schalter und das Gerät erwachte mit einem Blinken zum Leben.

„Sehr gut,“ sagte sie. „Zeit für einige Tests.“

Es war später Abend, als Iridium wieder zum Güterwagon Nr. 13 im Rost Bezirk zurückgekehrt war.

Sie lief auf die verschlossene Tür zu und zog ihr neues Werkzeug aus der Tasche. Die Erweiterungen, die sie an dem Gerät vorgenommen hatte, hatten alle Tests im Labor bestanden. Jetzt kam die wirkliche Probe.

Sie hielt das Gerät gegen das Türschloss, atmete tief ein und aktivierte es. Ein sanftes grünes Licht pulsierte an der Spitze des Geräts, das leise brummte.

Nichts geschah.

Sie fühlte Frustration in sich aufkommen. Hatte sie etwas übersehen? Vielleicht einen Draht? Sie versuchte es erneut, zog das Gerät dieses Mal jedoch an der Türkante entlang, wie sie es schon so viele Male mit ihren Fingern getan hatte. Sie wollte gerade zum Fluchen ansetzen, als sie es hörte. Ein leises, aber unverwechselbares Klicken.

Das Schloss hatte sich entriegelt.

Iridium grinste, aber ihre Freude war nur von kurzer Dauer. Die Türe, die für wer-weiß-wie-lange verschlossen gewesen war, ließ sich keineswegs durch einfaches Schieben zur Seite bewegen.

Sie versuchte mit Ihren Fingern in den kleinen Spalt zu greifen und zog so fest sie konnte.  Sie legte ihr gesamtes Gewicht in die Bewegung und ihre Muskeln verspannten sich vor Anstrengung. Die Tür gab kaum merklich nach, aber es war genug, als dass sie nun die ganze Hand durch die Öffnung schieben konnte. Sie zog, aber die Tür wollte einfach nicht nachgeben.

Verdammt nochmal. Sie hätte daran denken sollen, das Schmiermittel aus dem FabLab mitzunehmen.

Außer Atem sammelte sie sich und versuchte es auf eine andere Weise. Dieses Mal drückte sie gegen die Tür und schob mit all ihrer Kraft. Mit einem widerwilligen Ächzen von Metall auf Metall bewegte sich die Tür um weitere Zentimeter.

Sie würde diese Türe öffnen.

„Verdammte Tür!“ keuchte sie verärgert und schlug dagegen.

Nach mehreren Ansätzen durch Schieben und Ziehen hatte sie die Tür schließlich so weit aufgeschoben bekommen, dass sie sich durch den schmalen Spalt quetschen konnte. Um die Tür jedoch wirklich funktionsfähig zu bekommen, musste sie wohl morgen mit den entsprechenden Werkzeugen wiederkommen.

Bevor sie durch den Spalt schlüpfte, trat sie für einen kurzen Augenblick einen Schritt zurück und hielt inne. Sie war außer Atem, musste aber dennoch lachen. Sie hatte das Problem gelöst.

Im Inneren des Güterwagons war es dunkel und kühl. Es roch nach Rost und jahrzehntealtem Schmutz. Iridium aktivierte die Lampe ihres Armbands.

Ihre Schuhe knirschten gegen den Dreck, der auf dem Boden verteilt war. Iridium machte im Schein Ihres Armbands Glasscherben, Splitter herumstehender Kisten, Papier, Stoff und einiges an rostigem Werkzeug aus. Das Meiste, was hier herumlag schien auf den ersten Blick wertlos, nichts weiter als Fragmente einer vergangenen Ära.

Als Iridium langsam durch das Chaos lief, fiel ihr in einer der Kisten etwas ins Auge. Ein metallisches Funkeln im Licht ihres Armbands.

Sie ging hinüber zur Kiste und bückte sich, um es aufzuheben. Es war ein kleines, kompaktes mechanisches Gerät, nur wenig größer als ihre Handfläche mit einer kleinen Kurbel, die and der Seite herausragte.

„Oha, was bist du denn?“ entfuhr es ihr aufgeregt.

Das Gerät hatte weder ein Eingabefeld noch einen Stromanschluss und war für seine Größe überraschend schwer. Durch ein kleines Fenster, das in dem kastenförmigen Gerät eingelassen war, konnte sie eine metallische Trommel sehen, die mit der Kurbel verbunden war. Die Trommel wies zahlreiche kleine Noppen auf, und vor der Trommel waren eine Vielzahl unterschiedlich langer, schmaler silberner Metallstäbe in Querrichtung angeordnet, die alle bündig im 90 Grad Winkel zu der Trommel abschlossen. Iridium schätzte, dass die Noppen auf der Trommel durch das Drehen der Kurbel die Stäbe hochziehen und wieder lösen würden.

Zu welchem Zweck?

Iridium war neugierig und da sie keine weitere Gefahr darin sah, betätigte sie die Kurbel. Die Trommel setzte sich in Bewegung. Für einen Augenblick geschah nichts, dann entsprangen dem Gerät plötzlich Töne.

Iridium stockte der Atem.

Sie hatte etwas Derartiges noch nie gehört. Es war ein feiner Klang; erzeugt durch die mechanische Bewegung. Analog, ohne Bildschirm, ohne Verzerrung.

Sie grinste. „Du gehörst nicht hierher.“

Sie drehte erneut an der Kurbel. Diesmal gleichmäßiger. Eine sanfte Melodie entfaltete sich und füllte die rostgeschwängerte Luft.

Sie begann langsam. Die Noten stiegen und fielen wie Wellen. Dann setzten höhere Töne ein, leicht und schnell, wie Wassertropfen, die von den Wellen sprangen. Es klang wunderschön und seltsam vertraut, irgendwie fundamental. Wie die Essenz eines jeden Liedes, das Iridium je gehört hatte. Sie konnte es nicht platzieren. Hatte es schon einmal irgendwo gehört?

Die Melodie setzte sich in verschieden Variationen fort, die Noten stiegen und fielen auf eine fremdartige und doch so vertraute Weise. Die leichten Unvollkommenheiten der Noten fügten eine warme Nuance hinzu.

Iridium hielt inne und die Töne spielten in ihrem Kopf weiter. Sie drehte erneut an der Kurbel, wieder und wieder. Zunächst langsam, dann schneller werdend. Intuitiv versuchte sie die richtige Geschwindigkeit für das Lied zu finden.

Sie war regelrecht verzaubert von dem kleinen Gerät.

Nachdem die letzte Note verklang, hallte die Melodie noch lange in Iridiums Ohren nach. Wie ein Wort, das man fast auf der Zunge hatte, und an das man sich aber eben doch nicht erinnern konnte.

Sie steckte das kleine Gerät in ihren Rucksack und verließ den Güterwagon. Es war schon spät geworden.

Auf dem Weg zurück in ihre Wohnung wiederholte sich die Melodie in ihrem Kopf in Dauerschleife. Es war wie das Echo eines Songs, den sie schon immer gekannt hatte, auch wenn sie nicht wusste, woher.

Sie begann zu summen. Sie hatte ausgezeichnete Laune. Die Tür des Güterwagons war endlich geöffnet und dahinter hatte sie etwas Magisches gefunden.

Auch ihr neues Gerät war ihr ein regelrechter Zauberstab.

Sie fragte sich welche Türen sie damit noch werde öffnen können.


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