Young Graydon

The Luft im Wintergarten roch wie immer schwach nach verschmortem Plastik und dem beißenden Dampf von schmelzendem Lötzinn.

Graydon saß im Schneidersitz auf dem Boden und balancierte vorsichtig ein zersprungenes altes Datenpad auf seinem Schoß. Seine winzigen Hände schwebten zögernd über der Bildschirmtastatur und sein Körper war vor Neugier gespannt. Graydon spielte mit einer Lern-App, die ihn kindgerecht durch die grundlegenden Schleifen der Programmierlogik führte.  

Einige Meter hinter ihm saß sein Vater am Esstisch, gebeugt über eine alte Platine mit einem Lötkolben in der Hand. Ein riesiges Vergrößerungsglas war an den Esstisch geklemmt, der ihm wieder einmal als Werkbank diente. Graydons Vater reparierte wieder irgendein altes Gerät, ein Relikt, das die meisten Menschen schon lange entsorgt und gegen ein neueres Modell ausgetauscht hätten.

Sie möchten, dass du vergisst, wie die Dinge funktionieren” sagte er, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. „Dann ist es für sie einfacher die neuen Produkte zu verkaufen, wenn alles wie Magie wirkt.

Graydon neigte seinen Kopf schräg. Was ist das da?“ fragte er und zeigte auf den Bildschirm auf ein Gewirr von Symbolen, dass er noch nicht verstand.

Sein Vater wischte seine Hände an einem alten Küchenhandtuch ab und ging hinüber zu seinem Sohn. Er sah ihm über die Schulter. „Das ist eine Bedingungsformel. Sie überprüft, ob etwas wahr ist, bevor der nächste Befehl ausgeführt wird. Es ist ein bisschen so, als würdest du eine Frage stellen, bevor du den nächsten Schritt machst.“

Er tippte mit dem Finger leicht gegen Graydons Schläfe „Dieselbe Regel gilt auch hier oben. Gute Programmierer stellen immer erst die richtigen Fragen.“

Graydon nickte und lächelte leicht, aber ernst. „Kann ich auch mal eine schreiben?“

Sein Vater grinste. „Na klar, kannst du das. An dem kleinen Bildschirm habe ich mehr gelernt als von den meisten Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe.“

In dem Moment erschien Graydons Mutter im Türrahmen. Sie faltete die Arme und ihre Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, als sie den Raum scannte. Ihr Blick glitt von den übervollen Körben, aus denen Drähte hervorquollen, zu dem halbzerlegten Gehäuse auf der Werkbank.

„Lass mich raten. Eine weitere völlig veraltete Interface-Box, die du vom Recycling Hof ‘gerettet’ hast” fragte sie und zog eine Augenbraue hoch.

„Es ist nicht veraltet, wenn man es noch reparieren kann,“ erwiderte ihr Mann unmittelbar. „Dieses Teil erinnert sich wenigstens noch an eine Zeit, in der man noch nicht für alles eine Lizenz brauchte, um es auch nur einzuschalten.“

„Und ganz offensichtlich ist die Einbindung des Fußbodens ein elementarer Teil des Reparaturprozesses?“ fügte sie fragend hinzu, als sie vorsichtig über einen Haufen Kabelgewirr, das auf dem Boden lag, schritt.  

„Besser als Vorhänge zu bügeln,“ murmelte ihr Mann und richtete einen Mikrowiderstand auf der Platine aus.

Sie verdrehte die Augen, konnte sich ein Grinsen jedoch nicht verkneifen. „Immerhin versuchen meine Vorhänge nicht deine biometrischen Daten umzuleiten, während du schläfst.“

Auf ihrem Weg durch den Raum, schritt sie über ein weiteres Kabelknäuel. Schließlich, bei ihrem Sohn angekommen, strich sie ihm sanft über die Schulter und zerzauste dann sein dunkles, dichtes Haar mit der gleichen geübten Leichtigkeit, mit der sie sonst Hemden oder Lampenschirme glattstrich.

Ihr Blick verweilte auf Graydons Bildschirm. „Ist das das Programm, dass ich dir neulich mitgebracht habe?“

Graydon nickte.

Sie lächelte und strich einen imaginären Faden von seinem Ärmel. „Naja, immerhin mag einer von euch Dinge, die einer gewissen Ordnung folgen.“

Graydon richtete sich unbewusst auf. Seine Finger bewegten sich bereits, um das, was er gerade gelernt hatte, auszuprobieren. Seine Bedingungsschleife lief sauber durch und der Zeiger blinkte wie als Bestätigung auf dem Monitor, auf die nächste Eingabe wartend.

Graydons Mutter wandte sich zufrieden um machte durch den Raum kehrt. Im Türrahmen blieb sie kurz stehen und drehte sich nochmal zu ihnen um. “Liebling, wenn dein Vater dir sagt, dass du deine eigene erste KI programmieren sollst, kommst du mich bitte vorher holen, okay?”


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